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N'oubliez jamais
Diese Zeilen dröhnt Joe Cocker seit bald zehn
Jahren in den Äther. Er erinnert uns daran, dass
es sich lohnt, ab und zu in den Rückblickspiegel
zu schauen. Und oft wenn ich Cocker's Aufruf höre
denke ich an einen anderen Protagonisten, der vor allem
uns Finanzmarktleuten die Historie beliebt zu machen
versucht hat: André Kostolany. Als junger "Finanänzler"
hatte ich Gelegenheit mit Kostolany auf einem Podium
zu sitzen, um über die Marktsituation zu philosophieren.
Viel interessanter als das Podium war aber das anschliessende
Bier mit dem Grandsegnieur der damaligen Börsenszene.
"Wissen Sie, mein junger Freund (- A.K. war uns
ja immer in mancher Hinsicht um Generationen voraus
-), eigentlich sollte ja dieses Geschwätz über
das Gestern, Heute und Morgen der Börse niemanden
interessieren. Schauen Sie zurück und Sie werden
erkennen, dass die Leute immer und immer wieder die
gleichen Fehler machen und in die gleichen Fallen treten.
Studieren Sie diese und extrapolieren Sie sie in die
Zukunft. Dann wissen Sie, was Sie zu tun haben",
sprachs und ging zum nächsten Seminar an welchem
die Zuhörer nur über das Heute, Gestern und
Morgen reden wollten.
Und heute? Quartalsabschlüsse, tägliche Börsenzeitungen,
die Indexstände der weltweiten Börsen täglich
auf der ersten Seite - direkt neben dem Jackpot der
Euro-Millions, etwa jede Woche ein gratis (natürlich
nur beim ersten Mal) Börsenbrief im Briefkasten.
Börse hier, Börse dort. Mal himmelhoch jauchzend,
mal tief betrübt.
Rückspiegel und Anlagehorizonte sind für
die Ewiggestrigen. Vielleicht. Zum Glück kümmert
sich die wirkliche Wertentwicklung der Unternehmen,
das Produktivkapital der Volkswirtschaft, wenig um diesen
Jahrmarkt der Gefühle. Das unternehmerische Umfeld
ist zwar nicht ganz unberührt vom kurzfristigen
Getöse - die Unternehmer müssen der Kurzfristorientierung
der Börsenwelt einiges an Tribut zollen: Kurzfristige
Abschlüsse, ad hoc Informationen, Sarbanes Oxley,
etc. etc., aber wir sind noch nicht so weit, dass die
unternehmerische Dynamik vollends überfahren worden
wäre.
Und entsprechend hat sich denn auch die Langfristtendenz
der Aktienbörse gegenüber früheren Zeiten
nicht dramatisch verändert. Eine kürzliche
Studie eines Teams um Elroy Dimson von der London Business
School beschäftigt sich mit den Renditen unterschiedlicher
Anlageklassen über die letzten 100 Jahre. Ihre
Schlussfolgerungen - einmal mehr: Langfristig schlagen
Aktien die Obligationen, und im Durchschnitt haben Aktien
um die 6-8% p.a. rentiert.
Und wenn wir in die Zukunft schauen? Wenn wir akzeptieren,
dass der langfristige Trend an den Aktienmärkten
von der Innovationskraft des Produktivkapitals einer
Volkswirtschat getrieben ist, dann ist nicht einzusehen,
warum der Trend brechen oder sich umdrehen sollte. Produktivität
und Innovation sind eine der Triebfedern menschlichen
Handelns schlechthin. Und wenn uns diese nicht abhanden
kommen, dann werden wir Unternehmen gründen und
Gewinne produzieren, die langfristig die Bewertungen
dieses Produktivkapitals weiter ansteigen lassen. Das
war so und das wird wohl auch so bleiben. Langfristig.
Leider interessiert das aber niemanden, denn schon
Keynes hat ja gesagt, dass wir langfristig alle tot
seien. Sollte aber doch jemand eher in den Kategorien
von Kostolany und weniger in denjenigen von Keynes denken,
dann sieht er vielleicht die von A.K. identifizierten
Fehler, die die Anleger immer wieder mit ihren Kurzfristengagements
machen.
Er sieht dann, dass der langfristige Trend für
eine Kurzfristaussage wertlos ist. Auch wenn die Börsennotierungen
einen langfristigen Trend haben, dann heisst das z.B.
noch lange nicht, dass das gegenwärtige Rallye
weitergeht.
Er sieht dann, dass in der kurzen und mittleren Frist
der oben genannte Jahrmarkt der Moden, Mythen und Gerüchte
zu permanenten und unvorhersehbaren Übertreibungen
in alle Richtungen führt. Und dass dies gelegentlich
so weit geht, dass am langfristigen Trend überhaupt
gezweifelt wird.
Das ist gut so. Denn nach A.K. schafft das Opportunitäten
für denjenigen, der den Rückspiegel nicht
aus seinem Gesichtsfeld verbannt hat. Ein kürzliches
Beispiel hierzu ist der Jahresbeginn 2003, an welchem
plötzlich jedem klar zu sein schien, dass man mit
Aktien nie mehr wird Geld verdienen können. Dreieinhalb
Jahre später schreiben wir historische Höchstkurse.
Die Geschichte ist voll von solchen Phasen; die Zukunft
auch.
Natürlich sind wir langfristig alle tot. Aber
vielleicht dauert es ja noch ein paar Anlagehorizonte.
Und in der Zeit können wir mit einem langen Anlagehorizont
noch etwas verdienen. André Kostolany ist 93
Jahre alt geworden. Dieses Jahr wäre er hundert
geworden.
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